Der ZenMate Rückblick 2016: Internetfreiheit und die Türkei

Ob Sicherheitslücken in IoT-Geräten, Massenhafte Leaks von E-Mail Adressen, Einschränkungen des Datenschutzes in Sozialen Netzwerken oder das Sperren ganzer Webseiten in Ländern wie Russland oder der Türkei. 2016 war nun wirklich kein glorreiches Jahr für Privatsphäre und Anonymität im Netz. Seit März diesen Jahres haben wir bei ZenMate glücklicherweise eine Expertin an Bord, wenn es um die Entwicklungen in der Türkei geht. Gülsah unterstützt unser Marketing Team als Country Managerin Türkei und sie kennt unsere Nutzer dort so gut wie niemand sonst. Nachrichten von gesperrten oder unerreichbaren Webseiten streifen auch immer wieder die deutschen Nachrichten. Deshalb haben wir die Chance ergriffen und uns mit Gülsah hingesetzt, um über Meinungsfreiheit und die Zukunft des freien Internets unter der aktuellen Türkischen Regierung zu sprechen.

Hey Gülsah, danke, dass du dir kurz Zeit genommen hast um mit mir zu sprechen.
Schön hier zu sein und dir deine Fragen zu beantworten.

Wir hören immer wieder von gesperrten Webseiten in der Türkei. Wie oft ist das denn dieses Jahr passiert?
Insgesamt ist es in 2016 ungefähr 10 Mal vorgekommen, dass wichtige Seiten gesperrt wurden. Meist sind das dann Social Media Kanäle. Die Abstände variieren und sind abhängig von meist internen Ereignissen, aber man kann sagen, dass etwa alle 8 Wochen politische Geschehnisse zu größeren Blockaden geführt haben. Insgesamt sind Webseiten etwa 70 Stunden gesperrt gewesen. Diese Zahl bezieht sich jedoch nur auf Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter. Allerdings waren in diesem Jahr auch Services wie Whatsapp, Github und Dropbox betroffen. Zudem kam es auch zu generellen Internetblockaden. Dann waren nicht nur bestimmte Seiten betroffen, sondern die Internetverbindung selbst.

Kannst du kurz erklären, was diese Sperrungen hervorgerufen hat?
Nun ja, der Hauptgrund warum die türkische Regierung Internetseiten sperrt ist zu verhindern, dass Informationen geteilt werden. Da diese meist über die Sozialen Netzwerke geteilt und verbreitet werden, sind diese oft als erstes betroffen. Die Regierung versucht es so schwer wie möglich zu machen Informationen zu teilen, insbesondere wenn es sich um Ereignisse handelt, die alle Bürger betreffen. Die Bombenanschläge am 28. Juni am Istanbuler Flughafen, sowie am 20. August bei einer Hochzeit in Gaziantep führten beispielsweise sofort zu gesperrten Social Media Kanälen. Aber auch viele kleinere Anschläge, die es nicht in die internationalen Medien schaffen, verursachen gesperrte Webseiten.

Im November sind zum ersten mal VPNs von Sperrungen betroffen gewesen. Hatte das ähnliche Gründe, wie das Sperren der Sozialen Netzwerke?
Nicht ganz. Das Ziel: die Verbreitung von Informationen, war sicherlich das selbe, aber der Auslöser war ein anderer. Die Sperrung erfolgte auf die Festnahme mehrerer kurdischer Abgeordnete am Abend zuvor. Dies führte dazu, dass am 4. November die längste Sperre von Webseiten begann. Für drei Tage waren die wichtigsten Sozialen Medien, inklusive Whatapp und YouTube gesperrt. Erstmals waren auch VPN Unternehmen, wie ZenMate betroffen. Tatsächlich waren wir unter den ersten Anbietern, die geblockt wurden. Ganz einfach, weil wir so bekannt in der Türkei sind und sehr viele aktive Nutzer haben. Etwa 700.000 Nutzer sind jeden Monat in der Türkei aktiv und waren natürlich von der Sperre betroffen.

Kannst du etwas dazu sagen, wie das technisch umgesetzt wurde? Ich stell mir das nicht ganz so einfach vor.
Letztes Jahr wurden Internetseiten tatsächlich noch richtig gesperrt. Allerdings hat dies eine Menge Aufmerksamkeit verursacht, auch International und die Türkei wurde dafür heftig kritisiert. Seit diesem Jahr erfolgen Blockaden nicht mehr direkt. Es wird sogenanntes “throttling” eingesetzt. Was also passiert ist, dass die Regierung mit den Internetprovidern spricht und diese die Bandbreite für bestimmte Seiten erheblich minimieren. Während vor einem Jahr noch eine Fehlermeldung im Browser erschienen ist, die darauf hinwies, dass eine Seite gesperrt ist, passiert nun gar nichts. Wenn Nutzer versuchen eine Seite aufzurufen, lädt diese einfach unglaublich lange und dann erscheint eine Meldung, dass die Seite nicht erreicht werden kann. Dies macht es auch so unglaublich schwer zu identifizieren, ob eine Seite nun tatsächlich gesperrt ist oder nicht. Es könnte sich ja auch um eine schlechte Internetverbindung handeln oder das WLAN Signal ist einfach zu schwach.

Und bei ZenMate bzw. der Sperre von VPNs? Wie war da die Vorgehensweise?
Naja, ich weiß nicht, wie es bei anderen VPN Anbietern war aber in unserem Fall wurde einfach unsere API (Programmierschnittstelle) geblockt.

Gab es Reaktionen darauf? Es war das erste mal, dass VPNs geblockt wurden, ich kann mir vorstellen, dass dies andere Reaktionen hervorgerufen hat.
Für viele Menschen war es nicht leicht zu reagieren, weil ja alle größeren VPN Anbieter geblockt waren, zusätzlich zu den ganzen Sozialen Medien. Einige kleinere VPNs haben weiterhin funktioniert. Irgendwie haben die Leute aber trotzdem Zugang zu den Sozialen Medien gehabt und dort mit uns geschrieben. Social Media ist ziemlich wichtig in der Türkei und ist von großer Bedeutung, wenn es um Nachrichten geht. Jeder in der Türkei hat ein Smartphone und die meisten Türken sind 3-4 Stunden am Tag in den Sozialen Medien online und aktiv. Es ist der wichtigste Kommunikationskanal für die türkischen Bürger.
Während der Sperre Anfang November waren unsere Nutzer extrem hilfreich für uns, weil sie die ersten waren, die uns informiert haben, dass etwas nicht stimmt.
Es war kurz nach Mitternacht und ich war selbst noch bei Facebook online, als ich die ersten Nachrichten bekommen habe, dass ZenMate geblockt ist. Also habe ich schnell reagiert, Informationen von den Nutzern gesammelt und am nächsten gemeinsam mit unseren Support-Team und dem DevOps-Team versucht herauszufinden, was eigentlich los ist. Unsere Nutzer waren extrem hilfreich, geduldig und kooperativ. Ein paar haben sogar Tests für unsere Entwickler durchgeführt, die dann geholfen haben das Problem zu lösen.

Du fährst diese Woche wieder in die Türkei zu deiner Familie. Nutzt du vor Ort selbst auch ein VPN?
Klar! Ich habe mir immer schon Gedanken über meine Privatsphäre gemacht, auch bevor ich hier angefangen habe zu arbeiten. Jetzt bin ich auf jeden Fall noch aufmerksamer, wenn es um das Thema geht. Ich nutze ZenMate in der Türkei, weil mich die dortigen Internetgesetze auf die Palme bringen. Internetverbindungen und Aktivitäten werden für zwei Jahren von den Internetprovidern gespeichert, das ist Pflicht. Die BTK (türkische Behörde für technische Information und Kommunikation), kann jegliche Daten nachverfolgen und Zugang zu allen Daten bekommen. Natürlich muss dafür ein Bedarf bestehen, aber wenn sie einen Grund brauchen, dann werden sie eben einen finden. Kurzum: wenn die Regierung oder Behörden Dinge über mich wissen wollen, werden sie es herausbekommen. Deswegen liegt meine Hauptmotivation ein VPN zu nutzen darin, meine Daten und Aktivitäten im Netz zu schützen. Gegebenenfalls entsperre ich auch Webseiten mit einem VPN.

Du hast bereits angedeutet, dass ZenMate in der Türkei ziemlich groß ist. Wir haben dort immerhin 700.000 aktive Nutzer im Monat. Wie ist es dazu gekommen und was denken die Leute von ZenMate?
ZenMate ist 2013 groß geworden, während der Proteste im Gezi Park in Istanbul. Das ging damals ja auch viel durch die deutschen und internationalen Medien. Zu der Zeit wurden das erste mal Social Media Kanäle geblockt. Wie ich ja schon gesagt habe, ist Social Media echt wichtig für die Türken und die meisten Leute waren das erste Mal damit konfrontiert, dass sie Seiten nicht aufrufen konnten. Die Sperrung zielte hauptsächlich auf Twitter, weil die komplette Organisation und Kommunikation der Demonstranten über den Kurznachrichtendienst erfolgte. Es wurde geteilt, wo Ärzte zur Verfügung standen, welche Krankenhäuser geöffnet waren und wo Essen und Trinken ausgeteilt wurde. Es war nicht das erste mal, dass Seiten gesperrt waren, aber es war das erste mal, dass so viele Menschen direkt betroffen waren. ZenMate war die perfekte Lösung. Es ist schnell und einfach installiert und bietet auch kostenlose Server. Dadurch haben viele Menschen uns kennengelernt und herausgefunden, dass sie mit ZenMate wieder Zugriff auf alle Informationen haben. Heute vertrauen uns unsere Nutzer, ich würde sogar sagen, dass viele eine Art emotionale Verbindung zu ZenMate haben. Ganz einfach, weil wir in wichtigen Momenten an ihrer Seite waren.

Eine letzte Frage habe ich noch: welche guten Tipps und Ratschläge gibst du unseren Nutzern in der Türkei für 2017 mit?
Die Mehrheit unserer türkischen Nutzer nutzt ZenMate um Webseiten zu entsperren. Wenn sie uns brauchen, dann nutzen sie uns, aber viele haben kein Bewusstsein für ihre Online-Privatsphäre und Datenschutz. Unsere türkischen Nutzer sollten allein wegen der Vorratsdatenspeicherung ein VPN nutzen. Es ist einfach total unheimlich, dass alle Daten für zwei Jahre gespeichert werden. Dieses Gesetz wird angewendet und mehr Leute sollten sich dessen bewusst sein, was es für sie bedeuten kann. Ich würde unseren Nutzer mit auf den Weg geben, dass der Nutzen eines VPNs nicht mit dem Entsperren einer Webseite aufhört, sondern erst anfängt.

Ganz herzlichen Dank für dieses interessante Gespräch Gülsah! Es war super mehr darüber zu erfahren, was unsere Nutzer in der Türkei denken und herausfinden, dass wir dort tatsächlich so unglaublich viele Nutzer haben.